Rückblick des 2020 NFL-Drafts

Ich schaue nach drei Jahren auf die 2020er Draft Class der Ravens zurück. Wie haben die Spieler sich entwickelt? Welchen Einfluss haben die Spieler und welche Note würden wir heute geben?

Die Instant-Reaction:

 Die Instant-Reaction der Analysten war gewohnt gut. NFL.com hatte die Ravens mit einem A+ und dem besten Draft aller 32-Teams. Adrian Franke, auf Spox, gab den Ravens eine 2+. Würden wir den Ravens nach drei Jahren immer noch so eine gute Note geben? Schauen wir auf die Draft Picks. Die Ravens hatten 10 Picks. Einen in Runde eins (Patrick Queen), einen in Runde zwei (J.K. Dobbins), vier in Runde drei (Justin Madubuike, Devin Duvernay, Tyre Philips und Malik Harrison), einen in Runde vier (Ben Bredeson), einen in Runde fünf (Broderick Washington), einen in Runde sechs (James Proche) und einen in Runde sieben (Geno Stone). 

Runde 1 Pick 28: Patrick Queen

Damals war ich gehypt, dass die NFL Queen zu den Ravens fallen ließ. Der Scheme Fit war einfach zu passend. Doch so richtig konnte Queen den Erwartungen nicht gerecht werden. Seine Leistungen waren zu inkonstant. Die Leistungsschwankungen waren so stark, dass die Ravens 2022 für Roquan Smith tradeten und Queen dadurch der Weakside LB wurde. Roquan Smith tat ihm richtig gut, seine Leistungen wurden konstanter und seine Qualitäten immer deutlicher erkennbar. Dennoch, dies war auch nachzuvollziehen, entschied das Ravens Front Office die Fifth Year Option nicht zu ziehen und stattdessen Roquan Smith zum teuersten ILB der Liga zu machen. Im Draft 2023 wurde mit Trenton Simpson auch der potenzielle Nachfolger von Queen gedraftet, weswegen sich weiter Trade Gerüchte halten. 

Ich denke wir werden mit Queen in die Saison gehen und nur bei einem großzügigen Angebot über einen Trade nachdenken falls Simpson schon weiter in seiner Entwicklung sein sollte. Eine Verlängerung halte ich für nahezu ausgeschlossen. Das Franchise würde somit einen Compensatory Pick für den Draft 2024 erhalten.

Die Ravens mussten und wollten viel Ressourcen in eine Position investieren, die in der heutigen NFL nicht als „Premiumposition“ angesehen wird. Dennoch konnte man mit dem Pick einen Starter für vier Jahre draften und das sollte in der Analyse berücksichtigt werden, auch wenn er nicht der Unterschiedsspieler geworden ist, den wir uns alle erhofft haben. 

Note: 2-

2. Runde: J.K. Dobbins

Dobbins gehörte zu den Picks, welche nach dem Draft 2020 am meisten diskutiert wurden. Mussten die Ravens wirklich einen Zweitrunden Pick aufgeben um einen, zweifelsohne guten, Runningback (RB) zu verpflichten? Viele sagten, dass das Scheme der Ravens Runningbackfreundlich gewesen sei und es keinen Unterschied machen würde, welcher RB hingestellt wird. Ich denke man kann hier mit der Saison 2021 und 2022 argumentieren. Wie schwach unser Running-Game ohne Dobbins und Edwards im Jahr 2021, in der Dobbins die ganze Saison mit einem Kreuzbandriss gefehlt hat, gewesen ist. Auch am Anfang der Saison 2022, als Dobbins noch nicht fit war, machte das Running-Game keinen großen Unterschied. So lag viel auf den Schultern von Lamar Jackson und dem was er als Runner kreieren konnte. 2022 machte Dobbins „nur“ acht Spiele weil er immer noch mit der schweren Verletzung aus dem Vorjahr zu kämpfen hatte. In diesen acht Spielen erlief er 520 Yards (5,7 Yards per Carry) und war selbst mit einem Fitnesszustand von 90%, man konnte sehen, dass er immer noch nicht rund läuft, ein großer Unterschiedsspieler auf der RB Position für die Ravens war. Das Running Game war mit Ihm deutlich gefährlicher als ohne Ihn. In seinen ersten drei Saisons hat er, aufgrund von Verletzungen, 23 Regular-Season-Spiele gespielt und dabei 1325 Yards erlaufen (5,9 Yards per Carry). Im Nachhinein kann man sagen, dass die Ravens einen RB brauchen und brauchten, der den Unterschied machen kann und ich kritisiere den Pick zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Nun geht es um eine Vertragsverlängerung und da bin ich gespannt wie beide Seiten, Dobbins und die Ravens, dies angehen. 

Note: 2 

3. Runde: Justin Madubuike

Mit Madubuike konnte man in Runde drei einen ebenfalls wichtigen Spieler holen. Schon in seinem Rookiejahr war Madubuike mit in der Rotation und seine Rolle wurde immer größer. 2022 kann man als ein kleines Breakout Jahr bezeichnen. Mit 42 Tackles, fünfeinhalb Sacks und drei Pass Deflections an der Line of Scrimmage konnte er in allen Kategorien seine Bestmarken aufstellen. 2020 und 2021 konnte er insgesamt lediglich drei Sacks verbuchen. In Jahr vier sollte es nun für die Startaufstellung reichen. Nach dem Abgang von Calais Campbell zu den Falcons ist ein Platz frei geworden und er sollte in der Pole Position dafür in das Trainingscamp der Ravens Ende Juli starten. Hier haben die Ravens einen Volltreffer gelandet! 

Note: 2 

3. Runde: Devin Duvernay

Devin Duvernay ist wohl die schwierigste Analyse von allen zehn gedrafteten Spielern. Als Returner ist er absolut überragend und schaffte es 2022 in den Pro-Bowl. Als Receiver bleibt er leider durchschnittlich. In Jahr 3 schaffte er immerhin drei Touchdowns als Receiver und konnte bei 37 Catches, 407 Yards erfangen. Damit war er der Dritte unter allen Passempfängern bei den Ravens nach Mark Andrews und Demarcus Robinson. Die Touchdowns holte er sich in Woche eins und in Woche drei. Danach konnte er keinen Touchdown mehr fangen und konnte in keinem Spiel mehr als 55 Yards fangen. Sein Vorteil ist immerhin seine Vielseitigkeit, da er auch als Runner eingesetzt werden kann. 2022 hatte er 12 Rushes für 84 Yards. Nichtsdestotrotz hatte ich mir vor der Saison deutlich mehr von ihm erhofft. Durch die Pro Bowl Nominierung erhält er 2023 fast 5 Millionen Dollar weshalb ich mir nicht sicher bin, ob Duvernay nicht doch ein Trade-Kandidat für die Ravens ist. 

Da ich Duvernay sehr gerne mag, hoffe ich dass er uns erhalten bleibt und unser neuer Offense Coordinator Todd Monken seine Vielseitigkeit besser einsetzen kann als es Greg Roman getan hat. 

Zusammenfassend kann man sagen, dass er zwar nie den großen Sprung geschafft hat um ein guter Starter zu werden, das Team aber mit seiner Vielseitigkeit als Returner und Runner weiterbringen kann. 

Note: 3

3. Runde: Malik Harrison

Mit Harrison wurde sehr viel Value liegen gelassen und man kann ihn auch als „Bust“ bezeichnen. In drei Jahren NFL kommt Harrison auf 100 Tackles insgesamt, wovon 44 Tackles aus seinem Rookiejahr kommen, welches vielversprechend war. Danach haben die Ravens keine Rolle für Ihn gefunden und Ihn ein bisschen hin und her geschoben. Er wurde auch als Outside Linebacker (OLB)  ausprobiert um dem Team auf der Edge Position Tiefe zu geben. Auch hier hat er wenig gespielt und konnte dem Spiel nicht seinen Stempel aufsetzen. Er geht als Wackelkandidat in das Trainingscamp und muss darum bangen das Roster überhaupt zu schaffen. 

Wenn man bedenkt, dass zu dem Zeitpunkt Spieler auf dem Board waren wie Alex Highsmith (OLB; jetzt Steelers), haben die Ravens hier in der Retrospektive den falschen Spieler ausgewählt.  

Note: 5 

3. Runde Tyre Phillips

Als Offensive Tackle (OT) gedraftet hat er nur zwei Saisons in Purple & Black gespielt und wurde in der Preseason 2022 von den Ravens entlassen. Als OT war er einer der Schwächsten in der NFL und auch als Guard war er ein Unsicherheitsfaktor und verlor das Duell mit Ben Powers im Trainingscamp. Immer wieder hatte er mit Verletzungssorgen zu kämpfen weshalb er den Kader schnell verlassen musste. Legendär wird jedoch sein aufgenommener Fumble im Spiel gegen die Jacksonville Jaguars bleiben, den er  für 15 Yards zum First Down trug. Rückblickend kann man sagen: Die Ravens haben gezockt und verloren, leider. 

Note: 4 

4. Runde: Ben Bredeson

Noch schneller war die Zeit von Ben Bredeson bei den Ravens vorbei. Er wurde nach nur einer Saison zu den Giants, dort spielt jetzt übrigens auch Phillips, getradet. Er spielte ganze 48 Snaps für die Ravens in 5 Spielen. Zudem war er in weiteren 5 Spielen aktiv, wurde jedoch nicht eingesetzt. Spieler wie Tyler Biadasz (Jetzt: Cowboys) standen hier noch zur Verfügung, die man verpasst hat. Ein Pick, den man rückblickend kritisieren kann und muss. 

Note: 5

5. Runde: Broderick Washington 

Selbst in Runde fünf konnten die Ravens reichlich Value einsammeln. Washington ist weiterhin im Team und gehörte für mich zu den  „Most Improved-Playern“ der Saison 2022. 2020 und 2021 konnte Washington insgesamt lediglich 18 Tackles verbuchen. 2022 waren es 49 Tackles und er war in jedem Spiel aktiv. Er konnte seine Chancen durch die frühe Verletzung von Nose Tackle (NT) Michael Pierce nutzen, nahm das Motto „next man up“ voll an und lieferte ab. 

Auch er wird 2023 eine größere Rolle in der Rotation erhalten und ist ein Grund, dass wir uns 2023 um die Defensive-Line trotz des Abgangs von Campbell keine Sorgen machen müssen. 

Note: 2

6. Runde: James Proche

Was machen wir mit Proche? 2022 die große Chance gehabt sein Potenzial zeigen zu können, hat er diese Chance ordentlich in den Sand gesetzt. Am Ende stehen acht Catches für 62 Yards und der größte „What-if“-Moment der 2022 Ravens-Saison mit seinem fast gefangenen Ball in den Playoffs nach Hail-Mary. Auch als Returner hat er nicht überzeugt, weshalb ich mir nicht vorstellen kann, dass Proche 2023 noch im Roster der Ravens sein wird. 2021 hat er zwei Kickoffs returniert, 2022 vier Punts. Er war in drei Saisons ein verfügbarer Spieler, jede Saison mindestens 14 Spiele aktiv, konnte er dem Spiel leider nie seinen Stempel aufdrücken. Er hat keinen Touchdown gefangen oder erlaufen, dafür aber eine Interception geworfen. Das beschreibt seine Karriere in Baltimore dann doch sehr gut. 

Note: 3-

7. Runde: Geno Stone

Stone war einer meiner ersten Draft Crushes und ich war sehr glücklich als ich gesehen habe, dass die Ravens ihn gedraftet haben. Der Anfang seiner Karriere war etwas holprig. Im ersten Jahr von den Ravens entlassen, dann von den Texans per Waiver aufgenommen um nach seiner Rookie-Saison wieder entlassen zu werden. Die Ravens nahmen ihn erneut auf und diesmal konnte er sich stückweise verbessern und sich einen Platz im Team sichern. 2022 gehörte er als Backup zum Team und hatte eine großen Anteil daran, dass die Defense, trotz der Verletzung vom eigentlichen Starter Marcus Williams, auf einem hohen Niveau gespielt hat. 38 Tackles, einen Forced-Fumble und eine Fumble Recovery standen am Ende der Saison in seiner Statistik. 2023 kann er sich berechtigte Hoffnungen machen, dass seine Rolle nochmal größer wird, durch den Abgang des letztjährigen Starters Chuck Clark (jetzt: Jets). Spannend hierbei ist, wie sie Kyle Hamilton dieses Jahr einsetzen. Sollte Hamilton eine ähnliche Rolle haben wie im letzten Jahr könnte es vorkommen, dass die Ravens mit drei Safeties auf dem Feld stehen. Er kann sich also berechtigte Hoffnungen machen, der dritte Safety im Depth-Chart zu werden. 3 Jahre nach seinem Draft kann man sagen, dass die Ravens auch hier noch ordentlich Value eingesammelt haben, sagt man doch häufig, dass 7.Runden-Picks nur selten das Team schaffen bzw. sich dauerhaft etablieren können. Stone hat es geschafft. 

Note: 3 

Fazit:

Wie also sehe ich jetzt die 2020er Draft-Klasse? 

Von den zehn gedrafteten Spielern sind stand heute (Juni 2023) noch acht im Kader. Fünf oder sechs Spieler (Queen, Dobbins, Madubuike, Duvernay, Washington, Stone) können sich 2023 Hoffnungen machen viel Spielzeit zu erhalten. In einer Cap geregelten NFL ist so ein Draft immer wichtig. Viele Spieler zu haben, die auf ihren Rookie-Verträgen spielen, also dementsprechend günstig sind, und dennoch das Team besser bzw. kompetitiv machen. Man kann schon sagen, dass die Ravens 2020 einen sehr guten Draft hingelegt haben, der dem Team nachhaltig geholfen und  es weitergebracht hat.  An Tag eins konnte man mit Queen einen Spieler holen, den man als solide betrachten kann, an Tag zwei haben die Ravens mit Malik Harrison und Tyre Phillips ein bisschen Value liegen gelassen, um am Tag 3 mit Geno Stone nochmal viel Value mitzunehmen.

Rückblickend würde ich dem Front-Office eine 2 geben, da viele Spieler gedrafted wurden, die heute noch im Team sind und auch Starten bzw. eine wichtige Rolle in der Rotation spielen, dennoch fehlt mir dieser eine Unterschiedsspieler, der den Draft zu einer 1 gemacht hätte.

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